Dr. med. Martin Pletscher, Hauptstrasse 85, 4102 Binningen, Tel: 061- 426 98 26, FAX: 061- 426 98 25
Akne-Guidelines Schweiz
Arbeitsgruppe für Akne der Schweizerischen Gesellschaft für Dermatologie und Venerologie;
Olten, 15. Mai 2003.
Vorsitz: PD Dr. Monika Harms, HUG, Genf
PD Dr. Luca Borradori, HUG, Genf
Dr. Jean-Pierre Grillet, Genf
Prof. Thomas Hunziker, Universitätsklinik, Bern
Dr. Carlo Mainetti, Bellinzona
Dr. Martin Pletscher, Binningen/BL
Dr. Marlyse Schilling, Kreuzlingen
Dr. Severin Läuchli, USZ, Zürich
Dr. Wolfgang Thürlimann, Zürich
Einleitung
Die Richtlinien, die im Jahr 2000 zur Akne-Therapie erarbeitet wurden, bedürfen einer Adaption, um dem Stand des heutigen Wissens
zu entsprechen und eine optimale fachgerechte Behandlung der Akne sicherzustellen. Die weltweite Behandlung der Akne mit
systemischem Isotretinoin hat zu einer drastischen Verminderung schwerer Aknefälle geführt. Im Vordergrund stehen heute eher die
„Versager“ (Nonresponder) dieser Therapie sowie das gehäufte Auftreten von Akne bei der reifen Frau. Die vorliegenden Guidelines
richten sich in erster Linie an Dermatologen, sollen aber auch Allgemeinärzte, Apotheker und KosmetikerInnen über Diagnostik und
Therapie der Akne sowie über die heute geltenden Qualitätsstandards informieren. Dadurch soll eine bessere Koordination der zur
Verfügung stehenden Therapieansätze gewährleistet werden. Ziel ist, nicht nur grössere Effizienz, sondern auch ein besseres
Kosten-Nutzen-Verhältnis in der Akne-Therapie zu erreichen.
Krankheitsbild der Akne
Akne ist eine sehr häufige Hauterkrankung, die meist in der Pubertät beginnt und viele Jahre andauert, um dann in den meisten
Fällen spontan abzuheilen. Akne verursacht je nach Schweregrad Narben, die ein nicht zu unterschätzendes psycho-soziales
Problem darstellen und therapeutisch nur schwer zu beeinflussen sind.
Pathogenese
Akne ist eine genetisch bedingte Erkrankung der Haarbalg-/Talgdrüsen. In der Pubertät kommt es einerseits unter dem Einfluss von
Androgenen (Testosteron/Gonaden, Androstendion/Nebenniere) zu einer gesteigerten Talgproduktion sowie andererseits zu
follikulären Keratinisationsstörungen, die zu einer Talgretention und damit zur Bildung von geschlossenen und offenen Komedonen
führen. Die Umwandlung der Komedonen in entzündliche Läsionen wird direkt und indirekt durch ihre Besiedelung mit dem
anaeroben Propionibacterium acnes verursacht. Dieses setzt Enzyme (P. acnes-Lipase), Entzündungsmediatoren und
chemotaktische Substanzen frei, die ein frühzeitiges Einwandern von Entzündungszellen bewirken. Neueren wissenschaftlichen
Erkenntnissen zufolge ist auch das dermale Immunsystem bei der Entwicklung der entzündlichen und nicht-entzündlichen
Akneläsionen beteiligt.
Klinisches Bild
Die Akne präsentiert sich als polymorphes Bild verschiedenartiger Akneläsionen (Komedonen, Papeln, Pusteln, Zysten, Narben). Zur
Diagnosestellung ist die Erfassung dieses charakteristischen Bildes und des Schweregrades unumgänglich. Die Differentialdiagnose
umfasst: Rosazea, periorale Dermatitis, verschiedene Formen der Follikulitiden, Kontaktakne, akneiforme Exantheme, akneiformes
Tuberkulid, Sebozystomatose, Hidradenitis suppurativa und Acné excoriée. Bevor ein Therapieschema zusammengestellt wird, sollte
der Schweregrad (nach Burke und Cunliffe, durch Auszählung der Läsionen oder Fotodokumentation) bestimmt, die familiäre
Akneanamnese erfasst und, besonders bei Frauen mit Akne nach der Pubertät, eine gynäkologische Anamnese erstellt werden.
Ausserdem sollte nach exogenen Noxen (wie z.B. eine berufliche Exposition oder die Einnahme von Medikamenten), die zu einer
Verschlechterung der Akne führen können, gefragt werden. Eine individuelle psychosoziale Beurteilung ist ebenso von besonderer
Bedeutung.
Therapeutische Möglichkeiten
Ziel der Aknetherapie ist, die Läsionen, bevor es zur Narbenbildung kommt, zur Abheilung zu bringen und die psychosoziale
Belastung zu reduzieren. Unsere heutigen Kenntnisse der Pathogenese dieser Krankheit bilden die Grundlage für eine rationelle
Therapie. Es stehen topische und systemische Behandlungsmassnahmen zur Verfügung, die sequentiell je nach Schweregrad und
Ansprechen eingesetzt werden können. Dabei soll der jeweilige Wirkungseintritt der verabreichten Medikamente berücksichtigt
werden.
Topische Behandlung
Der Wirkungseintritt bei topischer Behandlung ist frühestens vier Wochen nach Therapiebeginn zu erwarten. Wirksame lokale
Behandlungen sind: Retinoide, Antibiotika, Benzoylperoxid, Azelainsäure.
Lokale Retinoide
Retinoide stellen die Grundlage jeder lokalen Therapie dar. Sie üben ihre Wirkung vor allem auf die Komedonen aus, indem sie die
follikuläre Hyperkeratose normalisieren, Komedonen auflösen und ihre Neubildung verhindern. Neben Tretinoin (Retinsäure) stehen
heute weitere, weniger irritativ wirkende Retinoide mit teilweise verschiedenen, auch entzündungshemmenden Wirkprofilen zur
Verfügung. Demnach können lokale Retinoide bei beginnender Akne auch als Monotherapie eingesetzt werden.
Lokale Antibiotika
Lokale Antibiotika (Erythromycin, Clindamycin) führen zu einer Reduzierung von P. acnes. Sie besitzen eine ausgezeichnete lokale
Verträglichkeit. Ihr Nachteil besteht in der Resistenzentwicklung, die teilweise durch eine kombinierte Lokaltherapie mit Retinoiden
und Benzoylperoxid verzögert werden kann.
Benzoylperoxid
Benzoylperoxid wirkt vor allem aufgrund seiner bakteriziden Eigenschaften. Die Anwendung dieses Wirkstoffes führt häufig zu
irritierter/irritierbarer Haut (z. Bsp. nach Sonnenexposition); bei starken Reaktionen sollte auch an eine Kontaktsensibilisierung
(selten) gedacht werden.
Azelainsäure
Dieser Substanz wird eine entzündungshemmende und bakterizide Wirkung zugesprochen, die aber weniger ausgeprägt ist als bei
den oben erwähnten Substanzen.
Kombinationsbehandlung
Lokale Aknetherapeutika besitzen keine sebosuppressive Wirkung und sind aus diesem Grund weniger wirksam als systemisches
Isotretinoin. Bei der Wahl einer lokalen Aknetherapie ist der Kombinationstherapie der Vorzug zu geben, um möglichst auf mehrere
akneauslösende Faktoren gleichzeitig einwirken zu können. Die Grundlage einer solchen lokalen Therapie stellen die Retinoide dar.
Sie lassen sich sowohl mit antibakteriellen als auch mit Azelainsäure kombinieren.
Komedonenextraktion und Aknekosmetik
Komedonenextraktion im Rahmen einer Aknekosmetik hat keinen Einfluss auf den Verlauf der Akne und ist als eine kosmetische
Korrektur anzusehen. Anders verhält es sich mit der Extraktion durch Elektrokauterisation oder Laser. Die erstere ist vor allem mit
Hochfrequenz vorzunehmen, da die Umgebung nur geringfügig durch Hitzeeinwirkung belastet wird. Diese physikalische Behandlung
ist besonders angezeigt bei Komedonen und zystischen Läsionen, die nicht auf systemisches Isotretinoin ansprechen.
Phototherapie
Der günstige Einfluss von Sonneneinwirkung auf Akne hat zur Entwicklung von Bestrahlungsgeräten (blue light) geführt. Die bisher
noch vorläufigen Resultate dieser zeitaufwändigen Therapie lassen es nicht zu, sie zu propagieren. Das gleiche gilt für die
Photodynamische Therapie (PDT).
Intraläsionale Kortikosteroide
Bei stark entzündlichen grösseren, meist zystischen Läsionen ist eine Behandlung mit Kortikosteroiden, vor allem in Form von
intraläsionaler Applikation mit kleinen Dosen eines intraläsionalen Depotsteroids, angezeigt.
Systemische Behandlung
Bei mittelschwerer und schwerer Akne ist eine systemische Behandlung angezeigt. Es können auch geringere Schweregrade
systemisch behandelt werden, wenn der Patient durch die Akne psychisch belastet, die Familienanamnese positiv ist oder die Akne in
einem so frühen Alter auftritt, dass erfahrungsgemäss mit der Entwicklung einer schweren Akne gerechnet werden muss. Die Wahl
des systemischen Wirkstoffs richtet sich nach dem Schweregrad der Akne, dem Erfolg der bisher durchgeführten Therapie und der
individuellen Situation des Patienten. Folgende Therapiemöglichkeiten stehen zur Verfügung: systemische Antibiotika, systemisches
Isotretinoin und Hormontherapie.
Systemische Antibiotika
Die Wahl der Substanzen stützt sich auf ein gutes Ansprechen von P. acnes und eine gute allgemeine Verträglichkeit. Die Wirkung
sollte nach einem Monat sichtbar sein. Klinische Erfahrungen zeigen, dass eine langfristige Therapie (drei bis sechs Monate)
erforderlich ist. Diese kann jedoch eine Resistenz von P. acnes und ein Fehlschlagen der Therapie zur Folge haben. Aus diesem
Grund sollten systemische Antibiotika stets in Kombination mit einer Lokaltherapie von Retinoiden (Komedolyse) und/oder
Benzoylperoxid (Resistenzentwicklung) verabreicht werden.
Systemisches Isotretinoin
Isotretinoin (Roaccutan) ist das einzige Therapeutikum, das auf alle ätiologischen Faktoren der Akne gleichzeitig einwirkt. Es
reduziert ganz erheblich die Talgsekretion, ebenso die Komedogenese und die Kolonisation mit P. acnes. Neue Daten zu Roaccutan
zeigen, dass sich nach oraler Verabreichung von Isotretinoin fünf wichtige Metaboliten im Plasma nachweisen lassen: 4-oxo-
Isotretinoin, Tretinoin (all-trans-Retinsäure), 9-cis-Retinsäure, 4-oxo-all-trans-Retinsäure und 4-oxo-9-cis-Retinsäure, die an
Wirkungen und Nebenwirkungen beteiligt sind. Seit September 2002 stehen Isotretinoin-Generika zur Verfügung. Für die Generika
sollte das Profil der zur Zeit bekannten Metaboliten vollständig dokumentiert werden. Bei Unterschieden im Metaboliten-Profil und
fehlender klinischer Erfahrung ist bezüglich Wirksamkeit und Nebenwirkungsrisiko derzeit keine sichere Aussage zu machen.
Roaccutan und seine Generika sollten nur von Ärzten verschrieben werden, die in der Anwendung systemisch wirksamer Retinoide
erfahren sind (vorzugsweise Dermatologen) und das Missbildungsrisiko durch Isotretinoin sowie das Nebenwirkungsspektrum
kennen, richtig einschätzen und damit umgehen können.
Indikationen: Nodulozystische Akne sowie Akneformen mit Neigung zu Narbenbildung; Akne bei Patienten mit Eltern und/oder
Geschwistern mit schwerer Akne; Akne, die auf andere Therapien ungenügend angesprochen hat; Dysmorphophobie.
Dosierung: Die empfohlene Tagesdosis beträgt 0,5 – 1 mg/kg/ Körpergewicht (KG). Die empfohlene Gesamtdosis für Isotretinoin pro
Behandlungszyklus beläuft sich auf 100 –150 mg/kg KG, da damit Rezidive minimiert werden. Dosierungen über 150 mg/kg KG
bringen keinen zusätzlichen Vorteil. Bei Rezidiven kann die Behandlung wiederholt werden.
Biochemische Überwachung: Routinekontrollen der Leberfunktion und der Lipide sind vor und einen Monat nach Therapiebeginn
angezeigt. Bei entsprechender Symptomatik sollten weitere Kontrollen während der Therapie durchgeführt werden. Bei Frauen im
gebärfähigen Alter ist vor Therapiebeginn ein Schwangerschaftstest erforderlich.
Teratogenität: Isotretinoin ist teratogen. Die dokumentierte Beratung aller weiblichen Patienten in dieser Hinsicht ist essentiell. Eine
adäquate Empfängnisverhütung ist einen Monat vor Behandlungsbeginn, während des Behandlungsverlaufs sowie einen Monat nach
Behandlungsende obligatorisch. Die Spermatogenese ist nicht betroffen.
Nebenwirkungen: Die Nebenwirkungen beeinflussen die Lebensqualität des Patienten in unterschiedlichem Ausmass. Die meisten
Nebenwirkungen sind vorhersehbar und dem Facharzt bekannt. Er kann daher die entsprechenden Massnahmen ergreifen.
Ein Aufflammen der Akne kann bei 6 Prozent der Patienten in einem frühen Behandlungsstadium auftreten und muss entsprechen
behandelt werden.
Benigner intrakranialer Überdruck kann durch Isotretinoin verursacht werden. Tetrazykline, einschliesslich Doxyzyklin und
Minozyklin, können diesen Zustand ebenfalls induzieren und sollten nicht
zusammen mit Isotretinoin eingenommen werden. Patienten sollten im Hinblick auf mögliche Stimmungs-schwankungen
beziehungsweise Depressionen beraten werden; wenn diese gravierend sind, sollte das Medikament abgesetzt werden und der
Patient psychiatrische Hilfe erhalten. Üblicherweise bewirkt die Akne selbst einen psychischen Druck; die Heilung kann deshalb die
Lebensqualität erheblich verbessern.
Besondere Situationen: Mehrere Publikationen haben gezeigt, dass systemisches Isotretinoin ohne besondere Komplikationen bei
verschiedenen Grundkrankheiten gegeben werden kann. Dies betrifft folgende Krankheiten: Diabetes, Epilepsie, Crohn’sche
Erkrankung, Niereninsuffizienz, Immunsuppression (organtransplantierte Patienten, HIV-Patienten), neurologische Patienten,
Behçetsche Erkrankung, Leukämie und Retinitis pigmentosa. Allenfalls sind entsprechend der Grundkrankheit adaptierte
Dosierungsschemata nötig.
Hormontherapie
Die Hormontherapie ist vor allem bei denjenigen weiblichen Aknepatienten angezeigt, die eine übermässige Androgenproduktion
aufweisen (Akne, Seborrhoe, Hirsutismus, Alopezie). Eine sorgfältige diagnostische Abklärung in Zusammenarbeit mit dem
Gynäkologen und eventuell Endokrinologen vor Beginn der Therapie ermöglicht eine gezielte Behandlung. Besonders ist darauf zu
achten, dass bei Frauen mit Hinweisen für Zyklusstörungen, gynäkologisch-endokrinologischen Erkrankungen,
Androgenisierungserscheinungen gezielte Laboruntersuchungen durchgeführt werden und dass bei einer Akne-Therapie möglichst
keine gestagenhaltigen Antikonzeptiva verabreicht werden. Bei sehr therapierefraktärem Verlauf sollte das sehr seltene mini-
adrenogenitale Syndrom nicht übersehen werden.
Narben:
Akne führt leicht zu Narben. Die Palette dieser Narben reicht von kleinsten Vertiefungen über Eispickelnarben zu fibrösen Strängen
oder Keloiden. Eine erfolgversprechende Therapie (chirurgische Exzision, chemisches Peeling, Dermabrasion, Laserresurfacing)
hängt von vielen Faktoren ab, ist schwierig und interdisziplinär anzugehen.
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