Allergologie


Good Allergy Practice

Heuschnupfen

Behandlung Heuschnupfen

Artikel: Pollenallergie: klinische Aspekte

Häufigkeit der Pollenallegie
Gründe für die Zunahme
Eigenschaften der Pollen
Pollen als Aerogene
Pollenmessstationen
Leitpollen
Pollenallergie-Symptome
Komplikationen
Asthma
Nahrungsmittelallergie
Ausweitung Allergenspektrum

Artikel: Pollenallergie Diagnostik und Therapie Teil 2

WHO-Positionspapier Immuntherapie


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Pollenallergie: Klinische Aspekte Teil 1

Caroline Dürr, Samuel Heimgartner, Regula Gehrig, Marco Caversaccio, Arthur Helbling

Schweiz. Med Forum 2008,8(14):253-257


 

Häufigkeit der Pollenallergie

In der Schweiz haben wir seit 1926 epidemiolo­gische Daten, die belegen, dass die Pollenallergie -landläufig oft als Heuschnupfen bezeichnet - in­nerhalb von 70 Jahren von unter 1% auf über 12% bei Erwachsenen angestiegen ist. Bei Kindern wird eine höhere Prävalenz angegeben. Basierend auf den SCARPOL-Studien bei Kindern und Jugend­lichen im Alter von sechs bis fünfzehn Jahren hat sich seit Mitte der 90er Jahre keine weitere Zu­nahme der Pollinose ergeben; die Prävalenz be­wegt sich seither aber auf einem unverändert ho­hen Niveau um 15% [1]. Auch europaweit sind die Prävalenzdaten für die Pollenallergie ähnlich hoch

Gründe für die Zunahme der Pollenallergie

Je nach untersuchten Aspekten werden die Grün­de für eine Zunahme der Pollenallergie unterschied­lich gewertet. So wird die Tendenz zur Urbani­sierung, der sogenannte «westliche Lebensstil» mit all den Alltagsannehmlichkeiten, die enge Haltung von Haustieren, die zunehmend bessere Isolation von Wohnungen und Häusern mit der Zunahme respiratorischer Allergien in Korrela­tion gebracht [1-4]. Personen, die in der Stadt leben, haben häufiger allergische Atemwegser­krankungen als Personen, die in einer ländlichen Umgebung leben. Der Aufschwung im sozioökonomischen Status während der letzten Jahrzehnte führte zu einer Verlagerung des Lebensraumes und in der Folge änderte sich auch das Sensibilisierungsspektrum, indem sich die Menschen zu­nehmend auf Wohnraumallergene sensibilisierten [1, 5]. Obgleich die Rolle der Luftverschmutzung in der Allergieentwicklung debattiert wird, geht die allgemeine Luftverschmutzung mit einem er­höhten Sensibilisierungsrisiko bzw. mit einer Zunahme der allergischen Rhinitis einher. Eine These besagt, dass Schmutzpartikel zu einer er­höhten Allergenizität und Bioverfügbarkeit der Pollenproteine führen. Auch erhöhte Ozonwerte spielen eine Rolle bei der respiratorischen Aller­gie. Bedingt durch die toxische Reizung des Ozons können Pollenproteine besser durch die geschä­digte Schleimhaut penetrieren und eine Sensibi­lisierung induzieren. Auch dem Stress scheint eine Triggerfunktion zuzukommen: Einer Unter­suchung aus Finnland an 10 667 Studenten zufol­ge besteht ein 1,5- bis 1,75-fach erhöhtes Risiko für Asthma oder allergische Rhinokonjunktivitis, falls eine psychische Ausnahmesituation (Todes­fall einer nahen Person, tiefe persönliche oder elterliche Konflikte) in der Beobachtungsperiode über zehn Jahren aufgetreten ist [6]

Eigenschaften der Pollen - Blütezeit im Wandel
Epidemiologisch wichtig für die Pollenallergie sind die wind- (anemophile) und nicht die insektenbestäubten (entomophile) Pollen. Das heisst, nicht so sehr die farbenprächtigen Blüten von Forsythien, Magnolie, Apfelbaum, Löwenzahn oder Rosen sind für eine Pollenallergie wichtig, sondern die unscheinbaren Blütenstände von Bir­ken, Eschen, Gräsern oder Beifuss. Die anemophilen Pflanzen reagieren deshalb empfindlich auf meteorologische Veränderungen wie Kälte oder Regen und können - basierend auf den jährlichen Pollenmessungen - als Indikator für Klimaveränderungen herangezogen werden. Im Verlauf der letzten 25 Jahre hat sich der Blühbeginn der in der Natur vorkommenden Pflanzen zwischen zwei bis drei Wochen nach vorne verschoben (Abb. 1). Europäische Studien zeigen, dass die Blütezeit der Gräser und Kräuter tendenziell länger dauert. Unsicher ist noch, ob die Anzahl der Pollen und damit die Pollenbelastung zuneh­men werden. Anhand von Experimenten mit Ambrosia konnte nachgewiesen werden, dass mit steigendem C02-Gehalt der Atmosphäre und höheren Temperaturen die produzierte Pollen- menge deutlich zunimmt. Der Klimawandel kann dazu führen, dass sich neue Pflanzenspezies in einer Region ansiedeln bzw. andere zugrunde gehen [7, 8].

 

Pollen als Aeroallergene - die bedeutendsten Arten in der Schweiz

Die Blühsaison ist klima- und wetterbedingt regio­nal verschieden. In mediterranen Ländern beginnt die Pollensaison in der Regel einen Monat früher als in nördlichen Ländern Europas. In Bergregio­nen wiederum zwei bis drei Wochen später als im schweizerischen Flachland. In der Schweiz sind wenige Pollenarten für rund 90% der saisonalen Rhinokonjunktivitis verantwortlich (Tab. 1 ©). Je nach Region können neben den ubiquitär vor­kommenden Gräser-, Birke-, Hasel-, Erle-, Esche-, sowie Beifusspollen auch Platanen- und Eichen­pollen - zum Teil in hohen Konzentrationen - ge­messen werden. Die Bedeutung dieser Baumpollen als relevante Allergene für eine Frühjahrspollinose ist noch nicht geklärt. Hagebuchen- und Rot­buchenpollen sind nur alle drei bis fünf Jahre, während sogenannten Mastjahren der Bäume, in grösseren Mengen in der Luft. Generell gilt, dass innerhalb der Buchengewächse (Fagales) wie Birke, Erle, Hasel, Buche, Eiche und Kastanie eine hohe Kreuzreaktivität besteht. Gelegentlich, vor allem in ländlichen Regionen, können Wegerich­pollen bedeutsam sein. Wegerichpollen können während Wochen - allerdings nicht in hohen Konzentrationen - bis in den August hinein in der Luft registriert werden.

Die Birken- und Gräserpollenkonzentrationen 2007 von zwei verschiedenen Messstationen (Bern und Davos) im Vergleich zu den Vorjahren (1993-2006) sind in Abbildung 2 und 3 zusammengestellt. Regional können auch Glaskraut (Parietaria)-, Zypressen- oder Ambrosiapollen relevant für eine Pollenallergie sein. Das Glaskraut und die Zypres­sen sind mediterrane Pflanzen und im Mittelmeer­gebiet eine häufige Ursache für eine Pollenaller­gie. Im Tessin können beide Pflanzen gedeihen. Mit einer Klimaerwärmung ist eine weitere Aus­breitung dieser Arten in der Schweiz zu erwarten. Ambrosia kommt in grösseren Beständen in der Region Genfund im Tessin vor. In den letzten Jahren wurden im Schweizer Mittelland ebenfalls ver­mehrt Ambrosiapflanzen gefunden. Meist han­delte es sich um Einzelpflanzen in Hausgärten. Man nimmt an, dass sich diese Einzelgewächse aus mit Ambrosiasamen verunreinigtem Vogelfutter ent­wickelt haben.

Pollenmessstationen
Das Bundesamt für Meteorologie und Klimatologie «MeteoSchweiz», erhebt seit 1993 routinemässig Pollendaten von 14 Messstationen. Als Mess­gerät dient die Burkard-Pollenfalle (Abb. 4 &), welche nach dem volumetrischen Prinzip funktioniert. Ein genau definiertes Volumen Luft wird samt den darin enthaltenen Pollen angesaugt und auf dem Messstreifen abgelagert. Wöchentlich werden in Zürich und Payerne die Pollen analysiert und die Ergebnisse der Öffentlichkeit zugän­gig gemacht. Die meisten der Messstationen stehen in den grösseren Städten der Schweiz. Aber auch im Jura, in den Alpen und in ländlichen Regionen wird der Pollenflug gemessen.

 

Leitpollen und deren Charakteristik
Hasel (Corylus spp.): Haselpollen sind die ersten Pollen, die zu Beginn der Pollensaison in der Luft registriert werden. Blütezeit: Januar bis April. Erle (Alnus spp.): Erlen blühen im Mittelland gleichzeitig mit der Hasel. Die Grünerle (Alnus viridis), eine Erlenart, die in den Alpen auf 1300-2300 m.ü.M. vorkommt, blüht erst im Mai und Juni.

Birke (Betula spp.): Die Blütezeit der Birke beginnt meist Ende März/Anfang April und dauert rund vier Wochen. Das Birkenpollenhauptallergen (Bet vi) gilt als das potenteste Baumpollenallergen in Europa.

Esche (Fraxinus spp.): Die Blütezeit der Esche ist in der Regel auf drei Wochen in den Monaten März und April beschränkt. Die Esche gehört zu den Ölbaumgewächsen {Oleaceae) wie der Oliven­baum, Flieder, Jasmin, Liguster oder Forsythie. Während innerhalb der Oleaceae eine hohe Kreuz­reaktivität besteht, ist diese mit den Fagales gering. Gräser (Poaceae): Gräser gelten weltweit als die wichtigsten Auslöser einer Respirationsallergie. Hauptblütezeit in der Schweiz: Mai bis Juli. Die maximalen Pollenkonzentrationen in der Luft wer­den in der Regel ein bis zwei Wochen nach Blüh­beginn gemessen. 2007 kam es in der Schweiz zu einer Kondensierung der Pollenkonzentrationen in den Monaten April und Mai. Aufgrund des aussergewöhnlich milden Aprils setzte die Gräser­blüte zwei bis vier Wochen vor dem üblichen Be­ginn ein. Die ersten Gräserpollen waren bereits während der Birkenblüte in der Luft nachweis­bar. Zwischen den einzelnen Gräsern, inklusive den Getreidearten wie Roggen, besteht mit Aus­nahme von wenigen Arten (z.B. Bermudagras) eine hohe Kreuzreaktivität. Beifuss (Artemisia spp.): Beifuss gehört wie Am­brosia zu den Korbblütlergewächsen. Dieser blüht von Mitte Juli bis Anfang September. Grössere Kon­zentrationen werden im Wallis, Tessin und in der Nordwestschweiz gemessen. Traubenkraut (Ambrosia artemisiifolia): Mit Ge­treidelieferungen aus Amerika wurden Trauben­krautsamen nach dem Ersten und Zweiten Welt­krieg nach Europa gebracht. Seit der Mitte des 20. Jahrhunderts und verstärkt seit den 1990er Jahren breitet sich Ambrosia in Ungarn, auf dem Balkan, in der Poebene und im französischen Rhönetal aus. Die Blütezeit von Ambrosia beginnt im Juli und kann bis in den Oktober hinein dauern (Abb. 5).

Die Pollenallergie ist eine Systemerkrankung – Symptome

Die Pollenallergie äussert sich als entzündliche Schleimhautreaktion an Augen, Atemwegen und

Pharynx. Bei der Mehrheit der Betroffenen ist die rhinookkuläre Manifestation das führende Sym­ptom; typischerweise besteht eine bilaterale Konjunktivitis assoziiert mit einer juckenden, triefen­den Nase. Diese klassisch saisonale Symptomatik macht das Erkennen einer Pollenallergie relativ einfach. Daher wird die Diagnose eines «Heu­schnupfens» häufig bereits vom Patienten selbst gestellt. Das Ausmass und die Intensität der Sym­ptomatik korreliert in der Regel mit der Pollen-Kon­zentration in der Luft. Als Schwellenwert für das Auslösen einer allergischen Symptomatik werden je nach Pollenart 10-50 Pollen/m3 angenommen. Die Pollenallergie - wie jede Inhalationsallergie -ist eine Systemerkrankung. Nebst den Atemwegen können auch andere Organe wie die Haut (Ekze­me) oder der Gastrointestinaltrakt, inklusive des Ösophagus (eosinophile Oesophagitis), involviert sein. Auch wenn Sensibilisierungen früh erfassbar sind, beginnt eine saisonale oder auch perenniale allergische Rhinitis selten vor dem fünften Lebensjahr.

 

Komplikationen der Pollenallergie

Asthma
Die Mehrheit (>50%) der Patienten mit einer Pol­lenallergie entwickelt bei einer über drei Wochen andauernden Pollenblüte oder auch im Longitudinalverlauf nach Jahren eine zeitlich begrenzte bronchiale Hyperreagibilität. Diese zeigt sich aber oft erst bei körperlicher Belastung wie beim «auf-den-Bus-Rennen», beim Joggen oder bei Tem­peraturwechsel. Rund ein Drittel der Patienten hat ein saisonal manifestes Asthma. Wenn diese bronchiale Symptomatik nicht therapiert wird, kann sich der pulmonal-entzündliche, meist eosinophil-getriggerte Prozess ausweiten und mög­licherweise in eine persistierende Form überge­hen. Dabei spielen die Allergenexposition und das Sensibilisierungsspektrum eine grundlegende Rolle.

Nahrungsmittelallergien
Bei etwa der Hälfte der Pollenallergiker findet sich eine spezielle Form der Nahrungsmittelallergie, die als orales Allergie Syndrom bezeichnet wird. Dabei empfinden die Betroffenen während des Essens nach kurzer Zeit einen Juckreiz an Lippen, Wangen, Gaumen oder im Rachen. Dieses Beissen, Jucken oder Taubheitsgefühl ist gelegentlich mit einer Schleimhautschwellung assoziiert. Bei die­ser echten, IgE-vermittelten Nahrungsmittelaller­gie spielen Nahrungsmittelallergene von frischem, rohem Stein-Kernobst oder von Nüssen eine Rol­le, die Bet vi, seltener Bet v2 oder Bet v6 homolog sind (Tab. 2).

Ausweitung des Allergenspektrums
Wenn keine Modifikation der Pollenallergie durch eine gezielte und früh eingesetzte spezifische Im­muntherapie erreicht wird, kann sich im Lon-gitudinalverlauf eine Ausweitung des Allergenspektrums einstellen. Das heisst, dass sich ein Pollenallergiker - sofern er potenten Allergenquellen exponiert ist (Beruf, Freizeit, Wohnraum) -, auf andere Umweltallergene sensibilisieren (z.B. Haustiere, Latex, Milben) kann. Auch wenn die Pollenallergie im medizinischen Alltag banal erscheinen mag, so wird die klinische Bedeutung des «Heuschnupfens» im Langzeitver­lauf eines Allergikers weit unterschätzt.

Literatur siehe Orginalartikel



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