Dr. med. Martin Pletscher, Hauptstrasse 85, 4102 Binningen, Tel: 061- 426 98 26, FAX: 061- 426 98 25
Vielfalt der malignen Hauttumoren
Früherkennung, differenzierte Erkennung und Nachsorge
Valérie Enderlin, Reinhard Dummer, Zürich
in: Hausarzt Praxis 2008 | 19
Die «grossen Drei» der bedrohlichen Hauttumoren heissen Basaliom, Spinaliom und Melanom. Nicht- operative
Therapieformen sind bei vielen Tumortypen denkbar: Physikalische Methoden, wie beispielsweise die Radio- oder
Kryotherapie, stehen in gewisser Konkurrenz zur Chemo- und Immuntherapie. Bei Melanomen ist grundsätzlich ein radikales
Operieren geboten, lokalisa-tionsabhängig unter Einbezug der plastischen Chirurgie. Ausnahmen sind aber möglich: Beim
Lentigo-maligna-Melanom im Gesicht ist bei älteren Patienten beispiels-weise eine Radiotherapie als Alternative zu
diskutieren.
Die meisten Hautmalignome gehen von den epithelialen Strukturen aus. Das Basalzell-Carcinom ist am häufigsten.
Jährlich treten etwa 100 Neuerkrankungen pro 100 000 Einwohner auf. Basalzell-Carcinome kommen gehäuft im höheren
Lebensalter vor, aber finden sich in den letzten Jahren auch vermehrt bei jüngeren Patienten. Männer sind etwa doppelt so häufig
betrof-fen wie Frauen. Als zweithäufigster maligner Tumor der Haut gilt das Plattenepithel-Carcinom, bei steigender Inzidenz (20–30
Neuerkrankungen pro 100 000 Einwohner). Typischerweise entstehen Plattenepithel-Carcinome der Haut aus einem initial
intraepithelialen Tumor, der klinisch als Präkanzerose oder aktinische Keratose imponiert (Abb. 2).Die Melanom-Erkrankungsrate
der Schweiz ist die zweitgrösste Europas; jährlich werden hierzulande ca. 1700 neue Fälle diagnostiziert. Im weltweiten Vergleich
liegen wir auf Platz fünf- hinter Australien, Neuseeland, Hawaii und Norwegen.
Basalzell-Carcinome früh erkennen
Beim Basalzell-Carcinom handelt es sich um den häufigsten epithelialen Tumor der Haut. Eine Metastasierung ist selten, der Tumor
zeigt jedoch in gewissen Fällen ein aggressives Wachs-tum mit lokaler Infiltration und Destruktion – und er zeigt bei zu knapper
Exzision häufig eine Tendenz zu rezidivieren.
Ein wichtiger ätiologischer Faktor für Basalzell-Carcinome ist nebst der genetischen Disposition die chronische UV- Exposition.
80 % der Basalzell-Carcinome finden sich in der Kopf-Hals-Region, wobei die zentrofaziale Region (v.a. Nase) am häufigsten
betroffen ist. Basalzell-Carcinome können bezüglich Klinik und Histologie in verschiedene Typen unterteilt werden.
•
Das noduläre oder solide Basalzell-Carcinom ist die häufigste klinische Präsentation (Abb. 3). Sie zeigt sich als knotige
tumoröse Läsion mit einer perlschnurartigen Begrenzung, welche typischerweise halbkugelig vorgewölbt und mit
Teleangiektasien überzogen ist. Gelegentlich findet sich eine Ulceration oder eine Kruste auf der Läsion.
•
Bei ulcerierten Basalzell-Carcinomen (Ulcus terebrans, Ulcus rodens) handelt es sich um grosse, destruktiv wachsende
Läsionen, die in der Regel durch eine unregelmässige Begrenzung gekennzeichnet sind. Sie weisen zentral einen
Epitheldefekt auf und neigen zu Blutungen. Typischerweise sind diese Läsionen schmerzlos.
•
Pigmentierte Basalzell-Carcinome zeigen einen bläulich-schwärzlichen Aspekt. Der perlschnurartige Randsaum und die
Teleangiektasien fehlen häufig!
•
Das sklerodermiforme oder szirrhöse Basalzell-Carcinom präsentiert sich als plattenartiger, oft leicht eingesunkener,
gelblicher, unscharf begrenzter, teilweise von Teleangiektasien durchzogener Herd (Bildseite B1). Typischerweise
überschreitet der Tumor die klinisch sichtbaren Tumorgrenzen. Diese Ausprägung des Basalzell-Carcinoms ist oft schwer von
einer Narbe zu unterscheiden.
•
Das superfizielle Basalzell-Carcinom (Basalioma multi- loculare, Rumpfhautbasaliom) zeigt sich klinisch als scharf
begrenzte, rötliche, schuppende Läsionen (Bildseite B2). Es wird häufig mit einer Psoriasis oder einem Ekzem
verwechselt. Meist wird es am Rumpf angetroffen, wo es zwischen mehreren Millimetern bis
mehreren Zentimetern gross werden kann.
Plattenepithel-Carcinome früh erkennen
Beim Plattenepitel-Carcinom (Synonyme: Spinaliom, spinozelluläres Carcinom) handelt es sich um einen epidermalen Tumor
ausgehend von den Keratinozyten. Nach einer In-situ-Phase folgt der Übergang in die invasive Form, welche lokal destruierend
wächst sowie in ca. 10% der Fälle lymphogen und hämatogen metastasiert.
Spinaliome entstehen im Bereich der Schleimhäute und auf aktinisch geschädigter Haut. Prädilektionsstellen am Integument sind
die Sonnenterrassen des Gesichts – wie Unterlippe, Nasenrücken und Stirn (Bildseite B3). Initial entwickelt sich eine fest und breit
aufsitzende, hautfarbene bis gelbgraubräunliche, keratotische, wenig erhabene derbe Plaque, welche anschliessend in einen
endo- oder exophytisch wachsendenTumor übergeht. Die Spinaliome sind nicht schmerzhaft. Sie ulcerieren bisweilen.
Melanome früh erkennen
Die Inzidenz des kutanen Melanoms ist auch weiterhin zunehmend. Die Prognose korreliert direkt mit der Tumordicke.
Deswegen kommt der Früherkennung – nicht zuletzt durch den Hausarzt – entscheidende Bedeutung zu. Die anatomische
Lokalisation variiert in Abhängigkeit vom Geschlecht. Während bei Männern die meisten kutanen Melanome am Stamm
vorkommen, treten sie bei Frauen bevorzugt an den unteren Extremitäten auf.
Es wird angenommen, dass sich maximal 20–30% der kutanen Melanome auf vorbestehenden melanozytären Nävi
entwickeln, wohingegen die übrigen neu auftreten.
Abb.1: Akrolentiginöses Melanom
Abb.2: chron. Lichtschaden mit aktinischer
Abb.3: noduläres Basalzellcarcinom
Keratose (Feldkarzerierung)
Das primäre Melanom der Haut wird eingeteilt in vier klar definierte Erscheinungsbilder:
•
Die häufigste Form ist das superfiziell spreitende Mela-nom (50%). Es präsentiert sich als asymmetrische
Haut-veränderung mit unregelmässiger Pigmentierung und Begrenzung.
•
Daneben gibt es noduläre Melanome (30%), die eben-falls mit Pigmentverschiebungen und unregelmässigen Ausläufern
einhergehen. Ein primär vertikales Wachstum ist zu erwarten.
•
Das Lentigo-maligna-Melanom (10%) tritt typischerwei-se bei älteren Personen an sonnenexponierten Hautarealen auf.
Gegenüber diesem Melanom wird ein frühes und hierbei noch nicht invasives Stadium mit der Bezeichnung «Lentigo
maligna» abgegrenzt.
•
Die vierte Form ist das akrolentiginöse Melanom (5%). Ein solches liegt vor bei Lokalisation des Melanoms an Hand oder
Fuss (Abb. 1). Möglich ist hierbei auch eine subunguale Lokalisation.
Andere, seltene Formen (5 %) – wie das amelanotische, das desmoplastische oder das polypoide Melanom – seien hier nicht
weiter erläutert.
Hautneoplasien an der Schwelle zur Malignität
Die aktinische Keratose (solare Keratose, «senile Keratose») stellt ein intraepidermales Malignom dar und ist eine Folge
langjähriger UV Exposition (Abb. 2). Prä-dilektionsstellen sind die sonnenexponierten Areale (Gesicht, Stirn, Glatze, Hals,
Handrücken, Unterarm). Initial bildet sich eine erythematöse und atrophische, im Verlauf gelbgraubräunliche und
keratotische, relativ scharf begrenzte Hautveränderung. Meist treten die Läsionen multipel auf. Aktuelle Studien schätzen
das Risiko des Übergangs in ein Spinaliom auf 5% innert zehn Jahren.
Der Morbus Bowen ist ein intraepidermales Carcinom (Carcinoma in situ) der Haut. Der Übergang in ein invasives Bowen-
Carcinom ist möglich. Der M. Bowen imponiert als relativ scharf begrenzter, erythematosquamöser Herd. Knotige
Veränderungen deuten auf ein bereits invasives Wachstum hin. Die Läsionen sind oft langsam progredient.
Chirurgische Behandlung und postoperative Nachsorge bei epithelialen Hauttumoren
Grundsätzlich sind bei Basaliom, Spinaliom sowie aktinischer Keratose und M. Bowen jeweils zwei Therapieverfahren
gegeneinander abzuwägen:
•
Operative Verfahren – mit histologischer Diagnose- sicherung und Kontrolle der Tumorexzision.
•
Nicht-operative Verfahren – ohne histologische Diagnosesicherung und Kontrolle der Tumorexzision.
Ziel jeder Therapie soll eine kurative Tumorbeseitigung sein. Viele Tumoren (insbesondere die sklerodermiformen
Basaliome) können sich bei nicht-sachgemässer Behandlung weiter ausdehnen: Sie können unter scheinbar intakter Haut
unbemerkt in tieferliegende Strukturen infiltrieren. Um dies zu verhindern, ist die Auswahl des jeweils richtigen
Therapieverfahrens essenziell (Tab. 1).
Das operative Vorgehen ist häufig die erste Wahl zur Therapie der epithelialen Tumoren. In den meisten Fällen können
alle notwendigen Eingriffe in Lokalanästhesie durchgeführt werden. Ziel ist die Entfernung im Gesunden und die
gewährleistete histologische Diagnosesicherung.
Die aktinische Keratose kann alternativ mittels Kürettage behandelt werden. Ebenso mittels dieser tangentialen
horizontalen Abtragung lassen sich flache Basalzell-Carcinome und ein M. Bowen behandeln. Kürettagen eignen sich
ferner bei den vorgenannten Diagnosen zur Tumorreduktion, wenn nichtoperative Anschlussbehandlungen
(photodynamische Therapie, lokale Immuntherapie, Kryotherapie) erfolgen werden.
Bei infiltrativen Tumoren braucht es Therapieformen, die auch jene feinstrangigen Tumorausläufer erfassen, welche
besonders beim Spinaliom und Basaliom zu erwarten sind. Für klinisch nicht sicher abgrenzbare Tumoren und/oder für
Tumoren, die an Problemlokalisationen liegen (z.B. in Augennähe), wurde die mikrographische Chirurgie entwickelt. Das
Tumorpräparat wird hierbei speziell aufbereitet, um histologisch eine lückenlose, dreidimensionale Darstellung der
ExzisatAussenfläche zu erhalten. Es erfolgen Nachresektionen bis sämtliche Exzisat-Aussenflächen tumorfrei sind.
Dieses Vorgehen bietet in bis über 95% eine lokale Heilung und ein tieferes Rezidivrisiko als die konventionelle
Chirurgie.
Unter Umständen resultiert ein grosser Tumordefekt. Eine ästhetisch befriedigende plastische Rekonstruktion ist oft nur
durch Lappenplastiken oder freie Hauttransplantate möglich.
Bei histologischem Nachweis einer inkompletten Tumorexzision ist meist eine erneute Operation notwendig. In speziellen
Situationen kann eine engmaschige klinische Kontrolle als ausreichend vertretbar sein.
Die postoperative Nachsorge erfolgt tumoradaptiert:
Bei High-Risk-Tumoren, also hohem Metastasierungs-Risiko, empfiehlt es sich, die Nachsorge über einen Zeitraum von
mindestens fünf Jahren postoperativ durchzuführen. Meist genügt jeweils die klinische Untersuchung zur Beurteilung des
lokoregionären Befunds und der regionären Lymphknotenstationen. Bei unklarem Palpationsbefund erfolgt eine
Sonographie mit allfälliger Feinnadelpunktion/Biopsie. Die Untersuchungen erfolgen während der ersten beiden Jahre in
dreimonatigen Intervallen und danach halbjährlich für weitere drei Jahre. Je nach Befund werden weitere Untersuchungen
(z.B. CT) angeordnet.
Bei Low-Risk-Tumoren genügen halbjährliche Nachkontrollen bis zum fünften postoperativen Jahr. Ergänzend sollten die
Betroffenen in allen Fällen zur Selbstuntersuchung angeleitet werden.
Nicht-operative Behandlungsoptionen bei epithelialen Hauttumoren
Radiotherapie: Die Radiotherapie stellt eine Alternative zur konventionellen Exzision dar und ist indiziert bei primärer
Inoperabilität, nach inkompletter chirurgischer Entfernung sowie bei älteren, multimorbiden Patienten.
Kryotherapie: Kryotherapeutische Behandlungen eignen sich gut bei multiplen aktinischen Keratosen. Die Abheilungszeiten sind
mit ca. zwei Wochen recht kurz. Voraussetzung für die Methode ist eine gute Indikation, da eine Möglichkeit zur histologischen
Kontrolle fehlt.
Photodynamische Therapie: Die photodynamische Therapie (PDT) bewirkt eine selektive Destruktion der atypischen Zellen
durch Lichtaktivation eines photosensitiven Moleküls in Anwesenheit von Sauerstoff. Die Methode eignet sich gut für
Problemlokalisationen sowie für ausgedehnte Läsionen. Das kosmetische Ergebnis ist exzellent.
Lokale Chemotherapie: 5-Fluorouracil (Effudix® Salbe) wirkt als Antimetabolit weitgehend selektiv auf die hyperproliferativen
Anteile bei epidermalen präkanzerösen Veränderungen. Die Behandlung dauert drei bis fünf Wochen. Der Wirkstoff sollte ein- bis
zweimal täglich aufgetragen werden. Wichtig ist, die Patienten auf die eintretenden entzündlich-erosiven Veränderungen
hinzuweisen. Meist ertragen die Patienten diese Behandlung nur als Intervalltherapie (z.B. fünf Therapietage, anschliessend zwei
Tage Pause).
Immuntherapie: Eine bewährte Option stellt Imiquimod (Aldara® Crème) dar. Imiquimod ist ein Zytokininduktor, welcher auf
Makrophagen und dendritische Zellen wirkt und die Sekretion von Interferon-a, Tumor-Nekrose-Faktor-(X und Interleukin-12 sowie
eine Aktivierung der Th1-Zellen induziert. Imiquimod hat sich zur Behandlung bei aktinischen Keratosen, bei oberflächigen
Basaliomen und beim M. Bowen gut bewährt. Die Abheilung erfolgt nach Abklingen der lokalen Enzündungs-reaktion in der Regel
narbenlos. Wie bei der lokalen Chemo-therapie ist die konsequente und korrekte Anwendung unter ärztlicher Kontrolle wesentlich
für den Therapieerfolg.
Melanome – grundsätzlich operieren!
Die Exzisionsbiopsie des Primärtumors, gefolgt von einer Nachexzision mit angepasstem Sicherheitsabstand, ist die Therapie der
Wahl.
Inzisionsbiopsien sollten generell vermieden werden.
Unerlässliche Empfehlungen zum Sicherheitsabstand sind in Tabelle 2 zusammengefasst.
Bei Besonderheiten der Lokalisation (v.a. Gesichtsregion) sind Ausnahmen von den allgemeinen Regeln zulässig. So kann bei einer
Lentigo maligna sowie beim oberflächlichen Lentigo- maligna-Melanom bei älteren Patienten eine Radiotherapie als therapeutische
Alternative erwogen werden.
Ab einer Tumordicke von 1,0 mm wird eine Wächterlymphknotenbiopsie empfohlen. Diese vorwiegend diagnostische Massnahme
hat keinen gesicherten Einfluss auf das Gesamt- überleben der Patienten. Dennoch hat sich gezeigt, dass sich dadurch das
rezidivfreie Intervall verlängert
In der Regel empfiehlt es sich, Patienten mit Melanomen dicker als 1 mm an ein spezialisiertes Zentrum (Universitätsklinik) zu
überweisen. Dies ermöglicht eine optimale Koordi-nation der Eingriffe, in Absprache mit den verschiedenen Spezialisten
(Plastische Chirurgie, Nuklearmedizin). Auch gibt es an Zentren die Möglichkeit, an grossen internationalen Studien
teilzunehmen. Weitere Informationen hierzu unter: http://www.dermatologie.usz.ch/HealthProfessionals/studien.
Von einer adjuvanten Therapie mit Viscum album (Iscador®) wird abgeraten, da dadurch der Krankheitsverlauf bei Patienten mit
minimaler Tumorlast möglicherweise negativ beeinflusst wird.
Die Therapie im Stadium einer Fernmetastasierung ist schwierig. Ziel ist dann die Wahrung einer möglichst langen Remission
mit Verlängerung der Überlebenszeit.
Weiterführende Literatur:
Panizzon RG, et al.: Klinik und Pathologie des Melanoms. Ther Umsch 1999; 56(6): 302–308.
Dummer R, et al.: Guideline zur Therapie und Nachsorge des kutanen Mela-noms. Schw Aerztezeitung 2001; 82(21): 1081–1086.
Eigentler TK, et al.: Kutanes Melanom. Der Onkologe 2007; 13: 745–758.
Kunte C, et al.: Aktuelle Therapieempfehlungen für das Basalzellkarzinom und Plattenepithelkarzinom der Haut, Der Hautarzt 2007;
58: 419–426.
Dummer R, et al.: Die aktualisierten schweizerischen Richtlinien zur Behand-lung des kutanen Melanoms – wo stehen wir heute?
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